Petra Pau - Gottlose Type

Petra Pau - Gottlose Type

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00:00:00: Guten Tag, auch heute habe ich Ihnen eine Episode aus meinem Buch "Gottlose Type"

00:00:07: mitgebracht. Sie ist überschrieben mit "Geschichte im Bundestag".

00:00:20: Der Deutsche Bundestag steckt voller Geschichte und Kunst.

00:00:25: Wer sich alles erschließen möchte, bräuchte dafür Wochen. Also führe ich

00:00:32: meine Besucherinnen und Besucher zu ausgewählten Werken.

00:00:35: Das "Archiv der Abgeordneten" gehört dazu - ein französischer Beitrag. Dort wird mit

00:00:43: stilisierten Postkisten an alle Parlamentarier erinnert, alphabetisch und

00:00:50: nach Perioden geordnet, die von 1919 bis 1999 durch freie, gleiche und geheime

00:01:00: Wahlen Volksvertreter wurden. 1919 markiert den beginn der Weimarer

00:01:07: Republik. 1999 den Umzug des Bundestages von Bonn nach Berlin.

00:01:16: Ergo kommt auch mein Name dort vor, denn ich wurde erstmals 1998 in den

00:01:24: Bundestag gewählt. Historisch spannend wird es, sobald man sich anschaut wer

00:01:31: alles für welche Partei dabei war und bei wem dazu ein schwarzer Streifen

00:01:37: mahnt: "Ermordet durch die Nazis". Übrigens quer durch alle damaligen Parteien, nicht

00:01:46: nur der KPD und der SPD, sondern alle mit Ausnahme der NSDAP. Ein Fach erinnert

00:01:56: übrigens an Adolf Hitler, der 1933 ebenfalls frei und geheim

00:02:03: gewählt wurde. Gelegentlich wurde es von erbosten

00:02:07: Besuchern eingetreten. Ich halte beides für wichtig:

00:02:11: Dass der Nazi und Massenmörder Hitler nicht verschwiegen wird und dass dies

00:02:17: Widerspruch hervorruft. Es war Rolf Schwanitz, ein SPD Genosse aus

00:02:24: dem Vogtland, der das Archiv der Abgeordneten dennoch scharf kritisierte.

00:02:29: Zu recht, denn es umfasst mitnichten alle frei, gleich und geheim gewählten

00:02:37: Parlamentarier in Deutschland. Die Mitglieder der am 18. März 1990 gewählten

00:02:45: letzten Volkskammer der DDR fehlen komplett.

00:02:49: Der Osten findet nicht statt. Er wird ausgeblendet, so als hätte es ihn

00:02:55: nie gegeben. Nicht einmal im Aufbau. Das zweite Kunstwerk im Bundestag, das ich

00:03:03: bei Führungen nie auslasse, ist der Andachtsraum von Günther Uecker aus

00:03:08: Nordrhein-Westfalen. Es war ebenso umstritten.

00:03:13: So sehr, dass der Künstler damit drohte sein Werk zurückzuziehen.

00:03:18: In seinem Andachtsraum können alle Gläubigen gleichberechtigt Einkehr und

00:03:25: Zuspruch suchen - Christen, Muslime, Juden, auch Hindus. Die CDU/CSU wehrte sich

00:03:34: lange dagegen. Sie begehrte an der Stirnwand ein

00:03:37: dominierendes christliches Kreuz im Sinne einer deutschen Leitkultur.

00:03:43: Doch Günther Uecker mahnt etwas anderes an. Einen interreligiösen Dialog auf Augenhöhe.

00:03:52: Wer sich dem Reichstagsgebäude von Westen her nähert, stößt auf die große

00:03:58: Giebelschrift "Dem deutschen Volke". Der Architekt Paul Wallot hatte es bereits

00:04:07: 1894 so vorgesehen. Doch Kaiser Wilhelm II. pfiff ihn

00:04:13: damals zurück. Das Parlament habe ihm zu dienen und niemandem anderen. Nun gibt es

00:04:21: im nördlichen Innenhof des Reichstagsgebäudes

00:04:24: ein weiteres Kunstwerk. Seine grün überwucherte Botschaft lautet: "Der

00:04:31: Bevölkerung". Sie mahnt, der Bundestag sei kein deutsch-nationales

00:04:36: Parlament, sondern allen hier lebenden Bürgerinnen und Bürgern

00:04:42: verpflichtet - kurzum einer multikulturellen Gesellschaft. Bleibt die

00:04:49: Frage, wie die vom Kaiser verschmähte Inschrift "Dem deutschen Volke" dennoch an

00:04:56: den Giebel kam. Das geschah 1916 inmitten des ersten Weltkrieges. Kaiser Wilhelm II.

00:05:05: sorgte sich ob der schwindenden Todeslust seines Volkes

00:05:10: und so widmete er ihnen gnädig eine ungeliebte Inschrift an einem ihm

00:05:17: sonst verhassten Ort. Soweit meine heutige Episode aus der "Gottlosen Type".

Über diesen Podcast

Momentan fällt es uns leider sehr schwer anderen Menschen zu begegnen oder sie zu erreichen. Auch ich kann meine Mitbürger*innen nicht mehr besuchen und empfangen um mit ihnen zu sprechen und mich mit ihnen auszutauschen.
Um dem wenigstens ein klein wenig Abhilfe zu schaffen habe ich diesen Podcast aufgenommen um Ihnen regelmäßig kleine Episoden aus meinem Leben vorzulesen, welche ich in meinem Buch "Gottlose Type" festgehalten habe.

von und mit Petra Pau

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