Petra Pau - Gottlose Type

Petra Pau - Gottlose Type

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00:00:00: Guten Tag. Ich möchte Ihnen auch heute aus meinem Buch "Gottlose Type" vorlesen. Es ist

00:00:10: keine der fröhlichen Geschichten, aber eine die mir gerade in dieser Zeit besonders am

00:00:18: Herzen liegt. Es ist ein Interview zu Lothar Bisky. Deshalt ist die Episode auch überschrieben

00:00:26: mit Interview zu Lothar Bisky. Am 13. August 2013 starb Prof. Lothar Bisky.

00:00:38: Plötzlich und unerwartet, wie es lakonisch heißt. Ich

00:00:43: war bestürzt. Alle deutschen Medien gingen sofort auf Sendung.

00:00:48: Schon die Biografie von Lothar war atypisch. Er

00:00:53: wuchs in Schleswig-Holstein auf, ging aber 1959 als

00:00:59: 18-Jähriger in die DDR, weil er sich dort bessere Ausbildungschancen

00:01:05: versprach. Er studierte Philosophie und Kulturwissenschaften. Nach vielen beruflichen

00:01:13: Zwischenstationen wurde er Rektor der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam. Einer seiner

00:01:22: bekanntesten Studenten, der Regisseur Andreas Dresen,

00:01:26: würdigte Lothar Bisky bei dessen Beisetzung sehr bewegt

00:01:31: und bewegend. Die Wendezeit in der DDR zog Lothar in die Politik. Am 18. März 1990 wurde

00:01:41: er in die letzte Volkskammer der DDR gewählt. Er

00:01:46: war Mitglied im Brandenburger Landtag, auch dessen Vizepräsident.

00:01:52: 2005 wurde er Mitglied des Deutschen Bundestages, 2009 des Europa-Parlaments. Dort erkor die

00:02:02: Fraktion GUE/NGL, ein Zusammenschluss von Sozialisten,

00:02:07: Kommunisten und linken Grünen aus mehreren Ländern, Lothar zu ihrem Vorsitzenden. Außerdem

00:02:14: agierte er zwei Mal als Vorsitzender der Partei des

00:02:18: Demokratischen Sozialismus (PDS) beziehungsweise der Partei DIE LINKE.

00:02:25: Die Absage an den »Stalinismus als System« auf

00:02:30: dem außerordentlichen Parteitag der SED im Dezember

00:02:33: 1989 hat er nicht nur getragen, er hat sie gelebt.

00:02:41: 2013 trat er demonstrativ in das innerparteiliche »Forum demokratischer Sozialismus« (FDS)

00:02:49: der Partei DIE LINKE ein.

00:02:51: Unmittelbar nach dem Tod von Lothar Bisky wurde ich

00:02:55: in einem Interview zu ihm befragt: »Er war kein Lautsprecher«

00:03:02: (15. August 2013) Seit wann kannten Sie Lothar Bisky?

00:03:09: Petra Pau: Wahrgenommen hatte ich ihn erstmals durch seine Rede auf der großen Bürgerrechtskundgebung

00:03:17: am 4. November 1989 auf dem Berliner Alex. Aus gemeinsamer Arbeit kenne ich ihn seit

00:03:27: 1992, nachdem ich Landesvorsitzende der Berliner

00:03:32: PDS geworden war.

00:03:34: Was haben Sie an ihm besonders geschätzt? Als Politiker, auch als Parteivorsitzender,

00:03:41: war er sehr angenehm atypisch. Mit Hierarchien konnte

00:03:46: er wohl nie etwas anfangen, mit Rechthaberei schon

00:03:50: gar nicht. Er war kein Lautsprecher. Lothar war ein Fragender,

00:03:56: ein Suchender, ein Denkender, ein Bittender. Ein Kommentator schrieb in seinem Nachruf:

00:04:02: »Ein Mensch wie Lothar Bisky käme heute in keiner

00:04:06: Partei in eine Spitzenposition«.

00:04:09: Seit Lothar Bisky gestorben ist, habe ich viel über die

00:04:14: politische Kultur hierzulande nachgedacht. Das beginnt

00:04:18: bei den Medien. 16.40 Uhr erfuhr ich von seinem Tod. 16.45 Uhr hatte ich bereits vier Interviewanfragen

00:04:30: dazu. Und?

00:04:33: Ich habe zugesagt. Wir leben in einer Mediengesellschaft und ich mache auch keinem Journalisten

00:04:40: daraus einen Vorwurf. Aber trotzdem trägt diese

00:04:44: Schnelllebigkeit schizophrene Züge. Man wird zu zitierfähigen

00:04:50: Sätzen gedrängt, während man sich traurig Innehalten und Stille wünscht.

00:04:56: In den meisten aktuellen Kommentaren wird Lothar Bisky

00:05:00: positiv gewürdigt. Das finde ich angemessen, aber auch das gehört

00:05:07: zum Widersinn. Wie oft wurde er in seiner Amtszeit

00:05:11: gescholten, er habe eine langweilige Rede gehalten oder

00:05:15: er setze sich als Vorsitzender einfach nicht durch.

00:05:19: Plötzlich gilt das vermeintliche Manko als menschliche Tugend.

00:05:25: Sie beklagen schlechten Journalismus? Nein, so einfach mache ich es mir eben nicht.

00:05:33: Ich kenne JournalistInnen aus Medien, die in manchen

00:05:36: linken Kreisen als böse-bürgerlich gelten. Es geht hier

00:05:39: nicht um Namen. Aber sie haben Lothar Bisky seit 1990 begleitet. Sie schätzten ihn und

00:05:48: seine Art sehr. Aber die Schlagzeilen setzten andere, meist

00:05:53: parteipolitisch, also häufig gegen Lothar.

00:05:59: Lothar Bisky war selten in Talkshows. Es gibt im deutschen Fernsehen keinen Mangel

00:06:04: an Talkshows. Aber sie werden immer niveauloser.

00:06:07: Entweder werden Politiker gegeneinander gehetzt. Oder

00:06:11: es werden belanglose Themen aufgebläht. Typen, wie

00:06:15: Lothar Bisky, sind da nicht gefragt. Worte des Bedauerns über den Tod von Lothar

00:06:23: Bisky kommen aus allen Parteien, der CDU, der SPD, der

00:06:28: FDP ... ... ich unterstelle mal freundlich, die Worte

00:06:32: sind ehrlich gemeint und nicht nur die übliche Huldigungsroutine.

00:06:36: Etwa, wenn Lothar nun bescheinigt wird, dass er immer kulturvoll mit anderen umging, selbst

00:06:44: mit Konkurrenten, und dass er stets ein verlässlicher

00:06:48: Partner war. Und schon sind wir wieder bei der politischen

00:06:52: Unkultur, über die ich seit Tagen nachdenke. Inwiefern?

00:06:57: Wenn Lothar Bisky in den Augen der CDU, SPD, FDP

00:07:02: und Bündnis 90/Die Grünen solche Qualitäten verkörpert

00:07:06: hat, wie sie ihm nun posthum bescheinigt werden, warum hat man ihn dann 2005 bei seiner Kandidatur

00:07:14: zum Vizepräsidenten des Bundestages vier Mal

00:07:18: durchrauschen lassen? Sie meinen, das passt nicht zusammen?

00:07:22: Leider doch. Nicht aus meiner Sicht, aber im unsäglichen

00:07:27: Selbstverständnis der Politik. Ich illustriere das

00:07:31: gern mit einem zweiten Beispiel. Bitte!

00:07:34: Stefan Heym war Jude. Er musste als Jugendlicher vor den Nazis fliehen und kam mit der US-Armee

00:07:43: als Befreier nach Deutschland zurück. Als gefragter

00:07:47: Schriftsteller wurde er in der DDR mit Argwohn und

00:07:50: Schlimmerem bedacht, weil er ein kritischer Linker

00:07:54: war. In der BRD ward er deswegen hoch gelobt, weil

00:07:59: er dadurch ein Kritiker in der DDR war. Im vereinten

00:08:03: Deutschland wurde er 1994 für die PDS in den Bundestag

00:08:08: gewählt und hielt dort als Alterspräsident eine

00:08:12: sehr nachdenkliche Eröffnungsrede. Die etablierten Parteipolitiker, die den linken Heym noch

00:08:20: vor Jahren gepriesen hatten, begegneten ihm, dem immer

00:08:24: noch linken Heym, nun mit Eiseskälte. Diese menschliche

00:08:29: Schmähung war eine politische Offenbarung. In der Parteipolitik gilt der eigene Erfolg

00:08:38: und nicht der Mensch?

00:08:39: Zu häufig. Das macht sie kulturlos und für viele abstoßend.

00:08:44: Nehmen wir das Beispiel Heiner Geißler. Als CDU-Generalsekretär war er der bestellte

00:08:51: Haudrauf gegen alle, die als Linke galten. Vom Amte

00:08:55: befreit, als denkender Bürger, wurde er ein kapitalismuskritisches

00:09:00: Attac-Mitglied. Kurzum: Parteipolitik versaut den Charakter?

00:09:06: Da ist viel dran. Nur: Lothar Bisky hat das Gegenteil

00:09:11: bewiesen und gelebt. Ich wünsche mir mehr solcher

00:09:16: Vorbilder in der Politik. Soweit die etwas längere Episode aus meinem

00:09:24: Buch "Gottlose Type". Bleiben sie gesund und bis zum nächsten mal.

Über diesen Podcast

Momentan fällt es uns leider sehr schwer anderen Menschen zu begegnen oder sie zu erreichen. Auch ich kann meine Mitbürger*innen nicht mehr besuchen und empfangen um mit ihnen zu sprechen und mich mit ihnen auszutauschen.
Um dem wenigstens ein klein wenig Abhilfe zu schaffen habe ich diesen Podcast aufgenommen um Ihnen regelmäßig kleine Episoden aus meinem Leben vorzulesen, welche ich in meinem Buch "Gottlose Type" festgehalten habe.

von und mit Petra Pau

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