Petra Pau - Gottlose Type

Petra Pau - Gottlose Type

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00:00:00: Guten Tag! Heute kommt eine neue Episode aus der "Gottlosen Type". Sie ist überschrieben

00:00:09: mit "Ironie der Geschichte". Ab Mai 1990, also zu DDR-Endzeiten, wurden

00:00:21: landauf, landab Straßen umbenannt. Allemal solche,

00:00:25: die Namen von Kommunisten trugen, kamen in den

00:00:28: Blick kritischer Kommissionen. Ich war gerade frisch

00:00:32: in die Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Hellersdorf

00:00:36: gewählt worden und plötzlich Schriftführerin eines

00:00:39: solchen Gremiums. Damit hatte ich nicht gerechnet. Aber es war eine spannende Zeit, die viel

00:00:48: mit Geschichte zu tun hatte. Die nahende deutsche Einheit

00:00:53: war überhaupt eine überraschende Chance, sich in Ost

00:00:57: und West mit der eigenen und der gemeinsamen Historie

00:01:01: auseinanderzusetzen. Aber der Westen wähnte sich als Sieger und hatte folglich wenig Lust,

00:01:09: an seinen Straßennamen herumzumäkeln, auch in Berlin

00:01:13: nicht. Und so tragen noch heute etliche Straßen

00:01:18: rund um das Tempelhofer Feld Namen von Offizieren

00:01:23: der deutschen Wehrmacht, die 1941 nach dem Überfall auf

00:01:28: die Sowjetunion diese besonders heldenhaft für

00:01:33: Volk und Führer bombten. Und trotz wiederholter Initiativen,

00:01:39: zum Beispiel der SPD-Steglitz, heißt auch die »Spanische

00:01:43: Allee« noch immer »Spanische Allee«. Nicht, weil

00:01:48: es auf Mallorca so schön sein soll. Auf dieser langen,

00:01:51: breiten Straße wurde 1936 die faschistische »Legion

00:01:57: Condor« gefeiert, nachdem sie siegreich aus dem Spanischen

00:02:02: Bürgerkrieg heimkehrt war. Später, 1995, kam überraschend eine Order

00:02:10: aus Bonn. Noch einmal sollte in Berlin-Mitte eine

00:02:15: Straße umbenannt werden. Der Umzug des Bundestages

00:02:20: vom Rhein an die Spree war beschlossene Sache.

00:02:23: Das historische Reichstagsgebäude wurde längst äußerlich

00:02:28: saniert und im Inneren für einen modernen Parlamentsbetrieb

00:02:33: umgebaut. Da fiel eifrigen Tugendwächtern ein eklatanter Makel auf. Die Straße, die

00:02:42: aus Richtung Osten kommend in das künftige Parlamentsviertel

00:02:45: führt, war nach Clara Zetkin benannt. Clara Zetkin

00:02:51: war Sächsin, sie war Frauenrechtlerin, sie war Antifaschistin,

00:02:57: sie war sogar die letzte Alterspräsidentin des

00:02:59: Reichstages, bevor dieses Parlament von Hitler liquidiert

00:03:04: wurde. Das alles hätte man Clara Zetkin vielleicht noch durchgehen lassen. Aber sie war auch

00:03:11: Mitglied der KPD, und nach einer Kommunistin durfte

00:03:16: diese Straße auf keinen Fall benannt bleiben.

00:03:20: Dagegen regte sich Protest aus Frauenbewegungen, aus der SPD, aus der PDS, von Bündnis 90/Die

00:03:29: Grünen. Ein Foto belegt, wie Renate Künast, seinerzeit

00:03:35: Fraktionsvorsitzende der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus,

00:03:39: und ich, damals Landesvorsitzende der Berlin PDS, auf einer Leiter standen und das

00:03:47: Clara-Zetkin- Schild

00:03:48: festhielten. Vergebens. Sie wurde »Dorotheenstraße « genannt und soll so wieder an Dorothea

00:03:57: Sophie von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, auch als Kurfürstin Dorothea von Brandenburg

00:04:05: bekannt, erinnern. Es geht voran. Zehn Jahre später, 2005, gab es eine vorgezogene

00:04:14: Wahl zum Deutschen Bundestag. Mit ihr endete auch

00:04:18: meine Zeit als »Einzelabgeordnete«. DIE LINKE, damals

00:04:24: ein Bündnis aus Linkspartei.PDS, WASG und linken Parteilosen, wurde erstmals ins Hohe

00:04:33: Haus gewählt. Allen Fraktionen steht im Reichstagsgebäude

00:04:38: ein angemessener Beratungsraum zu, direkt unter der

00:04:42: Kuppel. Und es ist Brauch, diesem einen Namen zu

00:04:47: geben: »Konrad-Adenauer-Saal« (CDU/CSU), »Willy-

00:04:52: Brandt-Saal« (SPD) und so weiter. Wie aber könnte der

00:04:57: Fraktionsraum der Linken heißen? Oskar Lafontaine schlug Rosa Luxemburg als Namenspatronin vor,

00:05:06: naheliegend. Gesine Lötzsch, ich und andere plädierten

00:05:11: hingegen für Clara Zetkin. Und so kam es dann auch.

00:05:17: Ironie der Geschichte: Vor dem Bundestag wurde die

00:05:21: Erinnerung an Clara Zetkin getilgt. Nun ist sie drin.

00:05:29: So viel heute aus der Gottlosen Type.

Über diesen Podcast

Momentan fällt es uns leider sehr schwer anderen Menschen zu begegnen oder sie zu erreichen. Auch ich kann meine Mitbürger*innen nicht mehr besuchen und empfangen um mit ihnen zu sprechen und mich mit ihnen auszutauschen.
Um dem wenigstens ein klein wenig Abhilfe zu schaffen habe ich diesen Podcast aufgenommen um Ihnen regelmäßig kleine Episoden aus meinem Leben vorzulesen, welche ich in meinem Buch "Gottlose Type" festgehalten habe.

von und mit Petra Pau

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