Petra Pau - Gottlose Type

Petra Pau - Gottlose Type

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00:00:00: Guten Tag,

00:00:01: auch heute möchte ich Ihnen

00:00:03: Episoden aus meinem Buch

00:00:05: "Gottlose Type" vorstellen. Ich habe dem Bundestag aus sehr unterschiedlichen

00:00:10: Perspektiven erlebt: Als Mitglied der allerersten Fraktion der PDS noch in Bonn am Rhein

00:00:18: und später hier in Berlin,

00:00:21: gemeinsam mit meiner Kollegin Gesine Lötzsch, die im Wahlkreis Lichtenberg direkt gewählt wurde, als

00:00:28: fraktionslose Abgeordnete in den Jahren 2002 bis

00:00:32: 2005

00:00:33: und ab 2005 als Mitglied der Fraktion Die Linke

00:00:38: und seit 2006 als Vizepräsidentin des Bundestages.

00:00:43: Da erlebt man eine ganze Menge. Heute möchte ich ihnen drei Auszüge aus der

00:00:51: fraktionslosen Zeit vorlesen.

00:00:54: Die erste Episode ist überschrieben mit "Bester

00:00:58: Pressesprecher".

00:01:00: Tue Gutes und rede darüber.

00:01:03: Diese Weisheit gilt

00:01:05: allemal für

00:01:06: Abgeordnete. Wir können uns nach bestem Wissen und Gewissen

00:01:11: abstrampeln - wenn niemand das erklärt, war alles für die Katz.

00:01:16: Deshalb haben alle Fraktionen auch Pressestellen und Bereiche für Öffentlichkeitsarbeit.

00:01:23: 2002 waren Gesine und ich bar einer Fraktion und mithin auch ohne

00:01:30: Experten für "tue Gutes und rede darüber".

00:01:34: Ohnehin war das Medieninteresse dünn gesät und nahe null wenn es um politische Positionen ging.

00:01:42: Dabei hatten wir beide nebenbei einen Rekord aufgestellt:

00:01:46: Jede von uns hatte im Plenum circa

00:01:51: 150 mal geredet,

00:01:53: jeweils drei Minuten lang. Mehr stand uns nicht zu.

00:01:57: Interessant wurden wir immer nur, wenn der Bundestag unsere ohnehin kargen

00:02:04: parlamentarischen Rechte über Gebühr noch weiter einschränkte.

00:02:09: So hatten wir im Plenarsaal

00:02:11: zwar zwei Stühle ganz hinten fast draußen, einen Tisch oder gar ein Telefon wurde uns nicht

00:02:19: zugestanden.

00:02:21: Das rief die Medien auf den Plan. Die Satiresendung Extra 3

00:02:26: reiste sogar mit einem eigens gefertigten Tisch an und sendete genüsslich dessen feierliche Übergabe an uns.

00:02:34: Apropos Tisch: Zu meinem Geburtstag

00:02:38: 2003 bekam ich mit schöner Hinterlist ein Spezialgeschenk:

00:02:43: Einen Aktenkoffer, der sich aufgeklappt in einen Tisch verwandelte.

00:02:49: Eines Tages nahm ich ihn in den Plenarsaal mit. Was für ein Fest! Kaum hatte ich ihnen entfaltet,

00:02:56: brach im Präsidium Hektik aus.

00:02:59: Eifrig wurde in der Geschäftsordnung geblättert, aber so ein Fall war darin weder vorgesehen noch geregelt.

00:03:08: Die Saaldienerinnen und -diener, die guten Geister des hohen Hauses,

00:03:12: reagierten verwirrt oder

00:03:14: grinsten in sich hinein. Wie auch immer, die Ordnungshüter standen vor einer

00:03:21: unauflösbaren Krux. Den Tisch hätten sie kassieren können, nicht aber den dazugehörigen Koffer, denn der

00:03:30: enthielt meine persönlichen Akten als Abgeordnete und war mithin

00:03:36: unangreifbar. Die Geschichte geht noch ein wenig weiter, aber sie sollen ja neugierig bleiben oder vielleicht auch im Buch nachlesen.

00:03:44: Ich will ihnen noch zwei von drei Episoden unter der Überschrift "Demo mit

00:03:51: Jesus" mit auf den Weg geben.

00:03:54: Mehr Öffentlichkeit

00:03:56: ermöglichte mir die Sat 1 Gruppe mit einer Serie "Die Volksvertreter - Politiker packen an".

00:04:04: Die Idee war:

00:04:06: Mitglieder des Bundestages

00:04:08: werden bei für sie

00:04:09: untypischen Tätigkeiten begleitet, zwei drei Tage lang. Mit dabei waren: Rainer Eppelmann CDU,

00:04:18: Renate Schmidt SPD,

00:04:21: Wolfgang Kubicki FDP und

00:04:23: und Rezzo Schlauch

00:04:25: Bündnis 90/ Die Grünen. Ich sagte flugs zu, weil ich uns in den Medien halten wollte. Mein Angebot:

00:04:33: Ich könnte für die Tafel oder ein Obdachlosenprojekt

00:04:37: arbeiten.

00:04:38: Absage! Dieser Part sei schon von der FDP besetzt.

00:04:43: Das sah ich ein, denn untypischer ging es nimmer.

00:04:48: Für mich hatte die Redaktion einen Einsatz als Tierpflegerin vorgesehen.

00:04:53: Ich bat um eine klitzekleine Änderung und schlug den Tierpark im Berliner Osten vor.

00:04:59: Es blieb beim Zoo in Charlottenburg. Auf

00:05:03: ging es bei Frost und Schnee. Ich duschte Elefanten,

00:05:08: mistete Ställe aus, gab einem Eselchen Fläschchen und half eine kränkelnde Python zu verarzten.

00:05:16: Die Bilder mit der Python zeigen übrigens wie untypisch gerade diese Begegnung für mich war. Aber,

00:05:24: der Filmmix lief und lief über die Sender zu allen Tageszeiten.

00:05:31: Immer wieder wurde ich darauf angesprochen,

00:05:34: einmal unverhofft auf dem Hamburger Hauptbahnhof:

00:05:38: "Sind sie nicht die Schlange von heute Nacht?" Das war natürlich

00:05:43: übertrieben.

00:05:46: Im ZDF

00:05:48: präsentierte Thomas Gottschalk

00:05:51: Gründonnerstag 2005, also kurz vor Ostern, zur besten Sendezeit

00:05:57: einen großen Bibeltest.

00:06:00: Eeinschaltquote riesig.

00:06:03: Verschiedene Gruppen

00:06:04: wetteiferten mit und gegeneinander.

00:06:07: Priesterschüler,

00:06:09: Journalisten, TV Stars und Politiker. Im Spiegel wurde die Sendung hernach verrissen.

00:06:16: Einer der wenigen Höhepunkte

00:06:19: sei aufgeflammt als der berufsteife Jürgen Rüttgers, CDU,

00:06:24: seiner linksgerichteten

00:06:26: Kollegin Petra Pau das Recht auf christliche Gesinnung absprach. Ich hatte ihm übrigens geantwortet:

00:06:35: Jesus wäre heute auf den Montagsdemonstrationen gegen Hartz 4.

00:06:40: Zugegeben, mehr Politik hatte die Gottschalk-Show

00:06:44: wirklich nicht zu bieten. Und doch endete der Bibeltest mit einer

00:06:50: unglaublichen Überraschung für die meisten. Ich gewann nämlich -

00:06:55: Ausgerechnet eine Linke,

00:06:58: obendrein aus dem gottlosen Osten.

Über diesen Podcast

Momentan fällt es uns leider sehr schwer anderen Menschen zu begegnen oder sie zu erreichen. Auch ich kann meine Mitbürger*innen nicht mehr besuchen und empfangen um mit ihnen zu sprechen und mich mit ihnen auszutauschen.
Um dem wenigstens ein klein wenig Abhilfe zu schaffen habe ich diesen Podcast aufgenommen um Ihnen regelmäßig kleine Episoden aus meinem Leben vorzulesen, welche ich in meinem Buch "Gottlose Type" festgehalten habe.

von und mit Petra Pau

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